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Ein älteres Paar strahlt Aktivität und Lebensfreude im Alter aus

Mensch.Demenz.Kirche

"In den Schuhen der Anderen gehen" oder "Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters"

"In der Kunst kommt das zur Sprache, was im Menschen ist. Kunst ist Ausdruck, Existenzvollzug.", Markus Roentgen 2018
Collage aus vielen gemalten Gesichtern
Foto: Claudius Baritz

"Kunst ist Seelsorge" lautete das Leitwort eines Werkstattgesprächs am 2. Juli in Kolumba, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln. Menschen mit und ohne Demenzerkrankung waren herzlich eingeladen, sich in Kleingruppen zu ausgewählten Kunstwerken auszutauschen. Menschen mit Demenz haben oft einen anderen Blick auf Kunstwerke als andere Museumsgäste. Die Veranstaltung wurde jedoch eher von Teilnehmenden besucht, die mit Demenz Erfahrung haben, sei es durch ihr privates Umfeld oder im beruflichen Kontext. Dennoch war es spannend zu erleben, wie durch die Kunstwerke der Bogen zur Demenz gespannt wurde. Zu den ausgewählten Kunstobjekten formulierte die Projektgruppe Mensch.Demenz.Kirche im Vorfeld Textimpulse über die sich die Teilnehmenden austauschten. Mensch.Demenz.Kirche ist ein Projekt der Altenpastoral im Erzbistum Köln, dessen Ziel eine demenzsensible Seelsorge ist.

Im Anschluss an diese Veranstaltung sprachen wir mit Elmar Trapp, Pastoralreferent des Erzbistums Köln über demenzsensible Seelsorge und die damit verbundenen Altersbilder.

Herr Trapp, die Verschiedenartigkeit des Alters braucht auch differenzierte Altersbilder, welche die Vielfalt des Alterns so abbilden, dass der gesellschaftliche Diskurs über Altersbilder die Inklusion aller älteren Menschen befördert. Was versteht man unter einer demenzsensiblen Seelsorge?

Es kommt leider viel zu oft vor, dass Menschen mit Demenz im alltäglichen Leben einer Kirchenge-meinde nicht vorkommen. Bei der demenzsensiblen Seelsorge geht es darum, diese Menschen in Kirchengemeinden zu sehen, dass sie dabei sind und dass man nicht denkt, sie sind alle in stationären Einrichtungen gut aufgehoben. Demenzsensible Seelsorge heißt, ich lerne von Menschen mit Demenz, mit ihnen adäquat und empathisch umzugehen. Es heißt nicht, sie zu versorgen, sondern sie im alltäglichen Leben dabei zu haben.

Die Krankheit soll nicht als Ausschlussgrund vorgeschoben werden. Böse Zungen behaupten, dass an Demenz erkrankte Menschen nicht mehr zum Gottesdienst gehen oder an Veranstaltungen teil-nehmen können. Das können sie sehr wohl. Diese Menschen benötigen jedoch eine andere Auf-merksamkeit, beziehungsweise eine andere Sicht der Dinge. Wir, die nicht an Demenz Erkrankten benötigen aber auch das nötige Hintergrundwissen zu den Krankheitsbildern der Demenz und zu den nötigen Kommunikationsformen.

Mensch.Demenz.Kirche ist ein Bistumsprojekt auf der Ebene des Erzbistums Köln das versucht pastorale Dienste für das Thema Demenz zu sensibilisieren. So werden zum Beispiel integrative Gottesdienste beworben, Gottesdienste für Menschen mit und ohne Demenz.

Das Thema Demenz ist oft angstbesetzt. Menschen ohne Demenz besuchen diese Gottesdienste nicht, weil sie denken, sie könnten als demenzkrank geoutet werden. Wir wollen sensibilisieren für die Einschränkungen die vorhanden sind, aber natürlich und insbesondere die Ressourcen der an Demenz erkrankten Menschen sichtbar machen. Es geht gerade nicht darum, zu sagen was sie alles nicht können, sondern zu zeigen, was noch alles möglich ist. Wenn Sie ihnen zum Beispiel Fotos aus dem ehemaligen Berufsfeld zeigen, kann es sein, dass diese Menschen aufblühen. Zu erleben wie sie diesen Menschen in seiner Gefühlswelt begegnen, das sind wunderbare Glücksmomente.

Welches Bild von an Demenz erkrankten Menschen vermittelt eine demenzsensible Seelsorge?

Es soll ein Menschenbild vermittelt werden, das zeigt, dass Menschen mit Demenz ganz viel zu bieten haben und das nicht bei den Defiziten ansetzt. Es soll zeigen, dass diese Menschen nicht nur versorgt werden sollen oder müssen, sondern dass sie ganz viel zum Leben beitragen können, mit dem was sie zutiefst als Menschen ausmacht. Es ist wie in der Kunst. Das Kunstwerk von Richard Serra "The Drowned and the Saved" ist aus einem speziellen Stahl hergestellt, der sich verändert, aber das Grundmaterial  bleibt erhalten. Wie sagt man so schön – Das Herz wird nicht dement, der Mensch ist da, die Sinne und die Seele bleiben. Oft wird gesagt: "Der Demente". Dieser Ausdruck gefällt mir überhaupt nicht. In erster Linie ist da ein Mensch. Dieser Mensch ist an einer Demenz erkrankt. Der Mensch und seine Bedürfnisse sollen bleiben.

Es gibt eine Vielzahl von Unterstützungsangeboten für Menschen, die an Demenz erkrankt sind und deren Angehörige. Warum brauchen wir auch eine und demenzsensible Seelsorge?

Oft ist es in Kirchengemeinden so, dass zunächst die Betroffenen wegbleiben. Sie werden nicht mit-genommen in den Gottesdient, weil es zu aufwändig ist und weil die Angehörigen das Gefühl haben, sie könnten stören. Dann bleiben die Angehörigen weg, weil sie die Betroffenen nicht allein zuhause lassen möchten.

Wir wollen Angehörigen das Gefühl geben, dass es keine Schande ist, sich helfen zu lassen. Für viele ist es toll zu sehen, dass sich die Kirche dieser Thematik annimmt und dass die die Angehörigen nicht allein gelassen werden.

Wir müssen es auch in der Kirche lernen, uns mit den Menschen auf Augenhöhe einzulassen. Bei Menschen mit einer Demenzerkrankung lernen wir grundsätzlich, wie wir mit anderen Menschen um-gehen können.
Ein Schwerpunkt im Umgang mit desorientierten Menschen liegt darin, ein Gespür für sein Gegenüber zu entwickeln, sich Zeit zu nehmen und dessen Gefühlswelt wahrzunehmen. Wir müssen das gesamte Leben dieses Menschen würdigen. Das Stichwort Empathie passt hier ganz gut. Diese Menschen leben im Hier und Jetzt. Ein von Demenz betroffener Mensch hat nicht mehr unbedingt im Sinn, was morgen sein wird, aber dafür umso mehr, was er – im übertragenen Sinne - gestern gemacht hat. Bei den Männern ist es oft so, dass sie sich noch sehr gut an ihr Berufsleben erinnern, wohingegen die Frauen sich meistens daran erinnern, wie sie für ihre Familien gesorgt haben und dass sie auch heute noch das Bedürfnis haben, sich um ihre Kinder kümmern zu müssen.

Durch den Umgang mit Menschen mit Demenz, lernen wir ganz viel Spontanität, Kreativität und aus dem Bauch heraus zu agieren. Wir können nicht alles im Vorhinein planen. So ist es mir neulich auf einem Workshop passiert, als ich ein Lied anstimmte und eine betroffene Person mich ergriff und anfing, mit mir zu tanzen.

Was ist neu an Ihrer Art der Seelsorge?

Neu ist, das Thema in die Kirchen zu holen. Es sind keine neuen gesellschaftlichen Erkenntnisse Es geht nicht darum einen neuen Besuchskreis oder ähnliches zu gründen, sondern bestehende zu sensibilisieren und zu schulen. Zum Beispiel, wie gehen Sie damit um, wenn Sie jemanden besuchen, der vergessen hat, dass er Geburtstag hat? Oder wie reagieren Sie, wenn jemand unflätige Bemerkungen macht? Wir vermitteln zum Beispiel im Rahmen der Kölner Projekttage "Dabei und mittendrin – Gaben und Aufgaben demenzsensibler Kirchengemeinde" Schulungsangebote, in denen es um das Krankheitsbild geht, aber auch vor allen Dingen um Kommunikationshinweise. Also darum, wie Sie mit diesen Menschen kommunizieren können, ohne sie zu verletzen oder sie zur Schau zu stellen.

Vielen Dank dass Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben.

Text und Foto: Claudius Baritz

Weitere Informationen finden Sie hier:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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