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Ein älteres Paar strahlt Aktivität und Lebensfreude im Alter aus

Demografie Debatte Deutschland

Viele Menschen in einem Raum schauen auf ein Foto, dass auf eine Leinwand projiziert wird. Darauf sind zwei Frauen, zwei Männer und zwei Kinder zu sehen, die barfuß an einem Strand laufen.
Foto: Claudius Baritz

"Wir sind mittendrin und uns geht’s gut." Ist das das Motto der neuen Alten? Die Bevölkerungsstruktur in Deutschland verändert sich. Wir sprechen von demografischem Wandel, von Babyboomern von Digitalisierung, von Generationenvertrag und Generationenpakt. Doch was steckt hinter all dem und was hat das mit uns zu tun?

Auf diese Fragen versuchten die Teilnehmenden aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft Antworten zu finden. Der Bundesverband Initiative 50Plus hatte hierzu für den 22. und 23. November nach Berlin eingeladen. Rund 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren dieser Einladung gefolgt, um gemeinsam den Prozess des demografischen Wandels in Deutschland mit zu gestalten und das Thema Demografie wieder stärker in die Öffentlichkeit zu bringen.

Der frühere Präsident des Bremer Senats und Botschafter des Bundesverbandes Initiative 50Plus Henning Scherf stellte zur Diskussion, warum Städte für Menschen umgebaut würden, die dort gar nicht mehr wohnen. Er selbst lebt mit seiner Frau in einer Senioren-Wohngemeinschaft in der Bremer Innenstadt, die er vor vielen Jahren mit Freunden, seiner „Wahlfamilie“, gründete. Er warb für diese Art des Zusammenlebens und empfahl sie als Chance für die alternde Gesellschaft. Auf keinen Fall dürfe die Hauptantwort auf die älter werdende Gesellschaft das Alleinsein sein. Es brauche umgebaute Städte, Ortschaften und Plätze. Plätze, an denen sich Jung und Alt wieder begegnen. Eine weltweite Untersuchung über Superalte ergab, dass diese nie allein geblieben sind und bis ins hohe Alter noch etwas zu tun hatten. Daher sein Appell "Nehmt Alte nicht als Objekt der Fürsorge, sondern lasst uns teilhaben."
Im Anschluss daran erläuterte Dr. Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, die demografische Entwicklung Deutschlands im internationalen Vergleich.

Prof. Dr. Horst Opaschowski, wissenschaftlicher Leiter des Opaschowski Instituts für Zukunftsforschung, Hamburg, berichtete von Trends und Werten der Generation 50Plus, die zukünftig eine Rolle spielen. Dazu entwickelte er sieben Zukunftsperspektiven:

1. Revolution der Lebenszeit:
Hochaltrigkeit und Langlebigkeit werden für viele immer wahrscheinlicher ein Teil der Normalität.

2. Die Entdeckung des gemeinsamen Lebens: Der Generationenkrieg findet nicht statt.
Der Generationenvertrag wird bisher zu sehr als monetäre Transferleistung gegenüber den Älteren verstanden. Er lässt die Leistungen und Gegenleistungen der Generationen untereinander, zum Beispiel die Enkelkinder-Betreuung oder die Altenpflege, unberücksichtigt. Dennoch müssen die Beziehungen zwischen den Generationen erarbeitet und gelebt werden, da unterschiedliche Lebensweisen aufeinander treffen. Gemeinsam ist beiden Generationen: Ehrlichkeit und Respekt als wichtigste Tugenden des Lebens. Darauf wird der zukünftige Generationenvertrag aufbauen.

Der Nationale Wohlstandsindex für Deutschland, den er seit 2012 mit dem Ipsos Institut erhebt, für den alle drei Monate 2000 Personen nach ihrem persönlichen Wohlergehen befragt werden, kommt zu dem Ergebnis, dass Wohlstand und Wohlergehen sich nicht nur über Geld definieren. Beziehungsreichtum, Sinngewinn und Zeitgewinn sind besonders wichtig.

3. Restart mit 50
Die aktuelle Entwicklung spricht für einen Beschäftigungswandel in der Arbeitswelt. Die Wirtschaft benötigt wieder ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Sie gelten als hochspezialisierte Wissensträger, die nicht ohne weiteres zu ersetzen sind. Die Arbeitswelt profitiert von der Lebens- und Berufserfahrung dieser Älteren. Immer mehr Menschen möchten länger arbeiten gehen. Viele möchten zukünftig ihren Übergang in den Ruhestand selbst bestimmen und flexibel gestalten können, mit einem Zeitfenster zwischen 60 u. 70 Jahren.

4. Die Zweite Familie - generationenübergreifende Wahlverwandtschaften als soziale Kongruenz.
Ein erweitertes Familienverständnis verändert auch unsere Wohnwünsche. Generationenübergreifende Wohnkonzepte, Baugemeinschaften und neue Wohngenossenschaften gehören dazu. Der Familienbegriff wird um den Gedanken des ganzen Hauses erweitert. Die Wahlfamilie erlebt eine Renaissance.

5. Die neue Solidarität der Generationen
Der traditionelle Familienbegriff ist überholt. Familie geht weit über eine Haushaltsgemeinschaft von Eltern und Kindern hinaus und endet nicht mit dem Auszug der Kinder aus der elterlichen Wohnung. Jetzt erst beginnt ein differenziertes Beziehungsnetz von regelmäßigen Kontakten und Besuchen sowie gegenseitiger Unterstützung und Hilfe - eine neue Solidarität der Generationen.
Ein solches Generationennetzwerk wird aus gelebten sozialen Beziehungen geknüpft. Familie ist da, wo Generationen füreinander Verantwortung tragen und sich gegenseitig stützen und unterstützen. Im 21 Jahrhundert gilt für das Zusammenleben der Generationenfamilie: "Mehr Nähe durch Distanz", wobei Nähe mehr eine gute Erreichbarkeit als unmittelbare Wohnungsnähe bedeutet.

6. Der Generationenpakt: die Wagenburg des 21. Jahrhunderts
Jung und Alt kooperieren zukünftig mehr miteinander. Nach Ansicht der jüngeren Generationen wird der Zusammenhalt der Generationen immer wichtiger und hilft in vielen Krisen des Lebens. Neben dem gesetzlichen Generationenvertrag entwickelt sich ein privater Generationenpakt. Jung und Alt brauchen einander und profitieren voneinander. Zu der Hilfeleistung der Jungen gesellen sich die Vermögenswerte der Älteren.

7. Ein Leben mit immer neuen Aufgaben
Die traditionelle Dreiteilung des Lebens (Ausbildung/Beruf/Ruhestand) ist überholt. Zukünftig wird es mehr "Patchworkbiografien" geben, die aus einem Wechsel ganz unterschiedlicher Phasen des Lebens resultieren. Familie investiert immer mehr Zeit, Geld und Gefühle in den Erhalt der Beziehungen, gewinnt dadurch aber auch mehr Sicherheit und Geborgenheit. Zukünftig werden das persönliche und soziale Wohlergehen des Menschen und nicht dessen materielle Komponente im Mittelpunkt stehen. Das durch das Bruttoinlandsprodukt (BIB) einseitig definierte Wachstum wird durch ein Wachstum an Wohlergehen ersetzt.

Wie ist mit Menschen der Generation Ü50 im Berufsalltag umzugehen? Über diese Frage tauschten sich im "Dialog der Generationen" Sarna Röser, Bundesvorsitzende des Verbandes "DIE JUNGEN UNTERNEHMER" und Helmuth Muters, Landesvorsitzender des Bundesverbands Initiative 50Plus in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, aus. Mit 50 Jahren im Job nicht mehr gefragt zu sein, sei ein großes Thema im 21. Jahrhundert, das viele Menschen bewege. Auf der anderen Seite ist die Erwerbsquote der Älteren noch nie so hoch gewesen wie heute.

Künstliche Intelligenz und Digitalisierung waren Thema am zweiten Tag. Eindringlich wurde darauf hingewiesen, dass eine flächendeckendere Versorgung der Bevölkerung mit schnellem Internet unabdingbar sei, um ein technikunterstütztes Gesundheitssystem etablieren zu können. Funklöcher müssten der Vergangenheit angehören. In einer älter werdenden Gesellschaft stünden den heute 50jährigen in Zukunft Chancen durch die Digitalisierung offen, insbesondere wenn es um Versorgung oder Mobilität gehe.

Professor Gerhard Hirzinger, Lehrstuhl für Echtzeitsysteme und Robotik an der Fakultät für Informatik der Technischen Universität München, berichtete davon, wie Roboterassistenten als Werkzeuge eingesetzt werden können, die jedermann bedienen könne und die in jedem Haushalt einsetzbar seien, um älteren oder kranken Menschen das Leben zu erleichtern.

In vielen Beispielen zeigte er, wie weit die Fähigkeiten von Robotern schon entwickelt sind. Wichtig war ihm hervorzuheben, dass Roboter nicht Nähe und menschliche Zuwendung ersetzen könnten und sollten; sie könnten aber im Alltag unterstützen und so den Menschen ein längeres, selbstbestimmtes Leben zuhause ermöglichen.

Christian Hirte, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, betonte in seiner Schlussrede, dass die demografische Entwicklung in viele Bereiche hineinspiele und vielfältige Auswirkungen habe. Sein Appell galt einem Dialog, der zwingend notwendig sei, um sicherzustellen, dass nicht einseitig nur Interessen von bestimmten Bevölkerungsgruppen in den Blick genommen oder gar gegeneinander ausgespielt würden.

Text: Claudius Baritz


Weitere Informationen:
https://www.demografischer-aufbruch.de/

http://www.bvi50plus.de/

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