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Ein älteres Paar strahlt Aktivität und Lebensfreude im Alter aus

Ältere Lesben und Schwule in Senior*innearbeit und Quartiersentwicklung

Eine Gruppe Menschen sitzen in einem Raum undhören einem Moderator zu
Fotos: Claudius Baritz / BAFzA

Die Gesellschaft wird vielfältiger. Altersbilder und Lebensformen verändern sich zusehends. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung sind Frauen. Laut Statistischem Bundesamt hatten im Jahr 2018 rund 20,8 Millionen Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund, die Zahl der gleichgeschlechtlichen Eheschließungen wächst. Rund 10 Prozent der Deutschen identifizieren sich als lesbisch, schwul, bisexuell, transgender, intersexuell oder queer (LSBTIQ). In den 1960/70er Jahren begann in Deutschland ein Prozess, der zu einer fast völligen Gleichstellung homosexueller Lebensweisen führte. Doch wie ist die Lebenssituation älterer und alter lesbischer Frauen in Deutschland heute und welche Akzeptanz haben sie in der Gesellschaft?
Antworten auf diese und weitere Fragen bot die vom Bundesfamilienministerium geförderte Fachtagung „Ältere Lesben und Schwule in Senior*innearbeit und Quartiersentwicklung. Beispiele aus der Praxis“, des Dachverbandes Lesben und Alter e. V. am 15. und 16. November 2019 in Köln in Kooperation mit dem Arbeiter-Samariter-Bund NRW e. V. Die Teilnehmenden aus ländlichen Regionen, Großstädten, sowie aus Amsterdam und aus Zürich wussten um die Bedeutung von Interessen, Kenntnissen und Bedürfnissen der LSBTIQ Menschen als Ausgangspunkt für eine lebensweltorientierte Quartiersarbeit. Doch mit welchen Projekten kann die Quartiersentwicklung begünstigt werden?

Roll Up des Dachverbandes Lesben und Alter mit der Aufschrift `' Präsenz, Perspekive, Vernetzung, Teilhabe'

Weder Seniorenvertretungen noch Einrichtungen in der Seniorenarbeit sind vorbereitet auf gleichgeschlechtliche Lebensformen. Das ist allerdings notwendig, da Lesben und Schwule auch im Alter ihr Leben offen gestalten möchten. Soziale und kulturelle Teilhabe ist eine Grundvoraussetzung für ein menschenwürdiges Dasein. Die moderne Arbeit für ältere Menschen hat sich im Verlauf der Zeit gewandelt. Sie geht mehr von den Potenzialen des Alters aus und nicht von den Defiziten. Wichtige Bestandteile sind Selbstverantwortung und individuelle Mitwirkung sowie funktionierende Rahmenbedingungen, die z.B. bei Krankheit oder eingeschränkter Mobilität, die Sicherheit und Schutzfunktionen des Staates und der Kommunen gewährleisten.
Das Thema Vielfalt im Alter ist bei vielen in der Seniorenarbeit tätigen heterosexuellen Menschen noch in den Anfängen. Gleichgeschlechtliche Lebensweisen in die gesellschaftliche Altersdebatte einzubeziehen und die Angebote für altere Lesben und Schwule zu öffnen – dafür tritt der Dachverband Lesben und Alter e. V. ein. Die Sichtbarkeit der älteren lesbisch und schwul lebenden Generation stärken und die Förderung des ehrenamtlichen Engagements in der eigenen Community gehört ebenso zu den Aufgaben wie die Fortbildung der Mitarbeitenden.

Bestehende Gemeinsamkeiten

Im siebten Altenbericht wurde die Sorgefähigkeit der kleinen Lebenskreise betont. Das sind Hilfen innerhalb der Familie, unter Angehörigen, Nachbarschaft, Bekannten und darüber hinaus engagierten Frauen und Männern. Alte und ältere Menschen können zunehmend auf Unterstützung angewiesen sein, die im Idealfall von der Community gewährleistet wird. Die kleinen Lebenskreise von Lesben und Schwulen unterscheiden sich von denen vieler heterosexueller Menschen. Vertraut sind ihnen aber Selbstverantwortung und Selbstorganisation. Die jetzt alternde Community musste zunächst einmal dafür sorgen, dass Strukturen aufgebaut und Grundlagen geschaffen wurden, die auch den kommunalen und freien Trägern zugutekommen. Durch diese Strukturen kann die Community ihnen Hilfe bei der Aufgabenerfüllung leisten. In vielen Städten existieren erfreulicher Weise mittlerweile Mitgliedsorganisationen, in denen viel Lobbyarbeit geleistet wird.

In der Eifel z. B. setzt sich die Organisation Fraueninitiative 04 für eine neu zu gestaltenden Kultur des Alterns für pflegebedürftige und alte Frauen ein und dafür, Maßnahmen und Projekte zu entwickeln, bei denen es um würdevolle Bedingungen und deren praktische Umsetzung geht. Der Verein hat insbesondere lesbische Frauen und Frauen mit Gewalterfahrungen als Zielgruppe im Blick und natürlich jede Frau, die sich im Falle der Hilfsbedürftigkeit andere als die zurzeit existierenden Angebote wünscht.

Bedürfnisse wie Alterssicherung, Versorgung und Pflege oder alternative Wohnformen sind für viele Lesben und Schwule die gleichen wie für heterosexuelle Menschen. Die meisten möchten in vertrauter Umgebung selbstbestimmt alt werden. Sie möchten eingebunden sein in eine lebendige Nachbarschaft mit Unterstützungsstrukturen. Organisationen in der Arbeit für ältere Menschen brauchen die Unterstützung des Dachverbandes, damit sie die Zielgruppe besser erreichen können - vor allem die lesbische.

Die Treffpunkte, die die Community früher zumindest in den größeren Städten hatte, wie Cafés, Buchläden, Lesben- und Schwulenzentren existieren oftmals nicht mehr. Neue Kommunikationsorte sind nicht dazu gekommen. Carolina Braukmann vom Dachverband Lesben und Alter e. V. betonte, “wie wichtig Orte der Begegnung sind, um zu verhindern, dass wir uns zu einer Gesellschaft des langen, einsamen Lebens entwickeln. Dem entgegen steuern können schwule, lesbische und queere Wohnprojekte, die in den Stadtvierteln, in denen sie angesiedelt sind, akzeptiert werden und gegebenenfalls durch Kultur- und Kennenlernangebote in diese hineinwirken.“


„Wie ist das, wenn man älter wird und Hilfe benötigt? Beispiele gelungener Quartiersentwicklung
Der Vorstandsvorsitzende des Frankfurter Verbandes für Alten- und Behindertenhilfe e. V., Frédérik Lauscher, stellte die Arbeit des Vereins vor Ort vor, dessen offene Arbeit in der Altenhilfe auf zwei wesentlichen Grundpfeilern ruht:

-    Ermöglichung von Teilhabe für alle
-    Angebote mit präventivem Charakter im Hinblick auf Vereinsamung im Alter

Der Frankfurter Verband bietet durch seine Vielzahl an Veranstaltungen für ältere Menschen die Möglichkeit, sich zu begegnen, kennenzulernen und in der Gruppe gemeinsamen Interessen nachzugehen. Er  bekennt sich offen dazu, dass ihm LSBTIQ Menschen, sowie deren Individualität und Lebensgeschichten wichtig sind und will mit ihnen bessere Rahmenbedingungen erarbeiten. Gemeinsam mit einer Gruppe schwuler Männer entwickelte der Verein ein Konzept zur Begegnung älter schwuler Männer. Das Café Karussell existiert nun bereits seit 10 Jahren und war vom ersten Tag an ein voller Erfolg.
In den offenen Treffen wurden Fragen diskutiert, wie „Wie ist das, wenn man älter wird und Hilfe benötigt? Wie kann stationäre Pflege organisiert werden, dass sie schwule Männer und ihre Lebenswiese akzeptiert und tolerierend mit Schwulen umgeht?“. Das brachte den Verband auf die Idee zu der Initiative „Regenbogenpflege“
Mit dieser Initiative will der Verband dazu beitragen, dass Pflegeeinrichtungen älteren Homosexuellen ein Umfeld bieten, das frei von Diskriminierung ist und ein möglichst selbstbestimmtes Leben auch bei Pflegebedürftigkeit ermöglichen. Denn für viele ältere Homosexuelle ist es schwierig in einem Pflegeheim offen mit ihrer Homosexualität umzugehen. Gleichzeitig nehmen Pflegeheime derzeit oft gar nicht aktiv zu Kenntnis, dass es in ihren Einrichtungen ältere Homosexuelle gibt. In vielen solchen Einrichtungen arbeiten bereits Menschen aus der LSBTIQ Community, die jetzt ihre Kompetenzen offiziell einbringen können, nicht nur auf einer individuellen Ebene. Daraus entwickelte sich das Siegel Regenbogenschlüssel.

Der Dachverband Lesben und Alter e. V, Berlin, sucht intensiv den Kontakt zu lesbischen Frauen und zu der Beratungsstelle LIBS. Er hat Kontakte in die Politik und zu diversen Arbeitskreisen. Auch für Lesben soll ein dem Café Karussell entsprechender Raum zur Verfügung gestellt werden. In der offenen Altenhilfe hat sich ein Erzählcafé etabliert, das von zwei lesbischen Frauen organsiert wird. Es ist für alle offen und zeigt, dass das gemeinsame Miteinander und die Öffnung ins Quartier gut funktionieren.

Eine Frau und ein Mann hatlen ein Banner des Paritätischen und des rubicon in die Kamera

Birgit Erlenbruch, Koordinatorin des Netzwerks der Lesbischen ALTERnativen und zuständig für die lesbische Altersvernetzung im Kölner rubicon, präsentierte ein kleinen Ausschnitt der Quartiersarbeit vor Ort aus den vergangenen drei Jahren. Das Netzwerk bietet älteren Lesben die Möglichkeit, andere Lesben zu treffen, sich auszutauschen, Dinge in Bewegung zu setzen, politisch aktiv zu sein, sich zu engagieren und gemeinsam die Freizeit zu gestalten.

Unter dem Motto „Wir werden sichtbar!“ veranstaltete das Netzwerk einen Wettbewerb, der das vielfältige Leben von älteren Lesben und Schwulen im Alltag zeigen sollte. Aus den zahlreichen eingesandten Werken wurden sechs für eine Wanderausstellung ausgewählt. Die Ausstellung mit dem Titel „Unsere Freiheit hat Geschichte“ wird an verschiedenen Orten im öffentlichen Raum gezeigt und war der Beginn der Sichtbarkeitskampagne. Es werden Partys für ältere lesbische Frauen in Kooperation mit dem Bürgerzentrum Ehrenfeld organisiert. Darüber hinaus finden generationenübergreifende Improvisationskurse für Lesben im Alter von 30 bis 70 Jahren statt.

Zu den vielfachen Angeboten der lesbischen Community vor Ort zählen insbesondere die „Golden Girls“ – eine lesbische Gruppe 50plus und die „LebensKünstlerinnen“. Die selbstorganisierte Gruppe der „Golden Girls“ trifft sich zweimal im Monat und besteht aus rund 30 Frauen, die Verbindungen zu Lesben in anderen Ländern knüpfen. Die „LebensKünstlerinnen“ – Lesben ab 50 - suchen den gemeinsamen Austausch. Sie informieren und inspirieren sich gegenseitig rund um die Themen Kreativität, Projekte, Marketing, Finanzen und Arbeit.

Christof Wild berichtete über die offene Seniorinnen- und Seniorenarbeit beim Paritätischen Wohlfahrtsverband in Köln. Dadurch, dass heute die erste Generation älterer offen schwuler und lesbischer Seniorinnen und Senioren sichtbar ist und die Gesellschaft bunter wird, stellt sich auch der Paritätische den veränderten Herausforderungen.

Auf dem Podium diskutierten Ina Rosenthal, Geschäftsführerin der Berliner Lesben-Beratungsstelle RuT – Rad und Tat, Bernd Plöger von der AWO Düsseldorf und Martina Houben vom Quartierstreff 50 plus in Bochum ihre Erfahrungen mit einer LSBTIQ*-bezogenen Quartiers- und Senior*innenarbeit. Die These, Lesben brächten sich nicht ein, wurde vor allem seitens des lesbischen Publikums kritisch hinterfragt.

Bereits erfolgreich umgesetzte und in Planung befindliche Wohnprojekte waren das bestimmende Thema am zweiten Tag. Auf Grundlage der Impulsreferate diskutierten die Teilnehmenden Voraussetzungen, Erfolge und Probleme der Projekte. Andrea Acker, Vorsitzende von Queer im Quartier e. V., erzählte von der Genese des ersten queeren Wohnprojekts in Mainz. In Rekordzeit brachten der Verein mit Stadt und Wohnungswirtschaft das Objekt an den Start. Bezugsfertig wird es Februar 2020. Lisa Weiß und Vera Ruhrus berichteten über die Kölner „villa anders“. Das bundesweit erste LSBTIQ-Wohnprojekt feiert dieses Jahr sein 10-jähriges Jubiläum. Eine Besichtigungstour mit Einblick in zwei Wohnungen der „villa anders“ und Überraschungskuchen im Gemeinschaftsraum rundeten die Fachtagung ab.

Gruppenfoto vor dem Roll Uip des Dachverbandes Lesben und Alter

Hintere Reihe von links: Frédéric Lauscher (Frankfurter Verband für Alten- und Behindertenhilfe e. V., Vorstandsvorsitzender) Ina Rosenthal (Geschäftsführerin RuT-Rad und Tat , Offene Initiative Lesbischer Frauen e. V., Berlin), Christof Wild (Der Paritätische, Offene Senior*innenarbeit, Kreisgruppe Köln), Birgit Erlenbruch (Koordination lesbische ALTERnativen, rubicon e. V.), Georg Roth (Vorstandsvorsitzender BISS e. V.).
Vordere Reihe von links: Lisa Weiß (Initiatorin und Bewohnerin Wohnprojekt „villa anders“, SchwulLesbisches Wohnen e. V., Köln), Carolina Brauckmann (Vorstand Dachverband Lesben und Alter e. V.), Andrea Acker (1. Vorsitzende Queer im Quartier e. V., Mainz), Martina Houben (Seniorenbüro Nord, Quartierstreff 55+), Sabine Thomsen (Vorstand Dachverband Lesben und Alter e. V.), Vera Ruhrus (Vorstand und Bewohnerin Wohnprojekt „villa anders“, SchwulLesbisches Wohnen e. V., Köln)

Weitere Informationen:

Dachverband Lesben und Alter e. V.

http://lesbenundalter.de/

Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren e. V.

http://schwuleundalter.de/

Das Netzwerk der Lesbischen ALTERnativen

http://www.alternativen-koeln.de/Lesbische-ALTERnativ.305.0.html

Fraueninitiative 08 e. V.

http://www.fraueninitiative04.de/wir_ueber_uns.htm

Frankfurter Verband

https://www.frankfurter-verband.de/

initiative Regenbogenpflege

http://www.regenbogenpflege.de/

Lesben Informations- und Beratungsstelle e. V. (LIBS)

https://libs.w4w.net/

villa anders  - Schwul-Lesbisches Wohnen e. V.

https://www.villa-anders-koeln.de/

Switchboard, Bar, Café, Kultur

http://www.switchboard-ffm.de/

Queer im Quartier e. V. Wohnprojekt in der Mainzer Neustadt

mainz.de/verzeichnisse/vereinsverzeichnis/queer-im-quartier-e.v.-vereine.php

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