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Persönlichkeitsentwicklung im hohen Alter: Interview mit Juniorprofessorin Jule Specht

Portrait der Juniorprofessorin Jule Specht
Foto: Jule Specht

Die Psychologin Prof. Dr. Jule Specht ist Juniorprofessorin an der Freien Universität Berlin und forscht zur Persönlichkeitsentwicklung im Lebensverlauf. Für ihre wissenschaftliche Leistung, aber auch dafür, dass sie ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse allgemeinverständlich aufbereitet, wurde sie mit dem Berliner Wissenschaftspreis 2014 für Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet.

Frau Prof. Specht, Sie haben in Ihrer kürzlich veröffentlichten Persönlichkeitsstudie überraschende Ergebnisse bei Menschen im hohen Alter (Menschen ab 70 Jahren) festgestellt. Wie sind Sie vorgegangen?

Wir haben Informationen von repräsentativen Stichproben aus Deutschland und aus Australien genutzt um zu untersuchen, wie sich die Persönlichkeit über die Zeit verändert und ob es Lebensphasen gibt, die mehr oder weniger sensibel für Veränderungen sind. Dabei zeigte sich, dass die Persönlichkeit im jungen Erwachsenenalter vergleichsweise veränderlich ist. Zum Beispiel nimmt der Anteil der Personen mit einem unterkontrollierten Persönlichkeitstyp in dieser Lebensphase stark ab. Auch im hohen Alter fanden wir erstaunlich viele Veränderungen und interessanterweise waren diese sehr divers, folgten also keinem einheitlichen Muster. Diese Veränderungen zu verstehen ist nun unsere nächste Herausforderung.

Nur wenige Studien untersuchten bisher die Persönlichkeit im hohen Alter und vor allem ihre Entwicklung. Warum ist dies das so?


Es herrschte lange die Annahme vor, dass sich die Persönlichkeit im Laufe des Lebens stabilisiert. Das ist bis zu einem Alter von ungefähr 50 Jahren auch tatsächlich der Fall. Dass sich im höheren Alter dann wieder so viele Veränderungen auftun, das hat uns selbst überrascht.

Was ist unter Persönlichkeit zu verstehen und wie kann Persönlichkeitsentwicklung gemessen werden?


Die Persönlichkeit beschreibt Unterschiede im Denken, Fühlen und Verhalten. Häufig werden fünf zentrale Eigenschaften, die sogenannten Big Five, untersucht. Das sind die emotionale Stabilität (wie wenig Sorgen sich jemand macht, wie wenig ängstlich jemand ist), die Extraversion (wie gesellig, offen, dominant eine Person ist), die Offenheit für Erfahrungen (wie sehr sucht eine Person intellektuelle Herausforderungen und wie stark möchte sie Unbekanntes kennenlernen), die Verträglichkeit (wie freundlich, vertrauensvoll, nachsichtig ist jemand) und die Gewissenhaftigkeit (wie pflichtbewusst, fleißig und ordentlich ist jemand). Es gibt aber auch eine Vielzahl anderer Eigenschaften und Messmethoden, die längsschnittlich erhoben und bezüglich ihrer Veränderungen über die Zeit untersucht werden können.

Dem Alter werden häufig Persönlichkeitsmerkmale wie Weisheit und Gelassenheit zugeschrieben und Jugendlichen hingegen Spontaneität. Sind dies nur Klischees?


Weisheit im Sinne einer Anhäufung von Lernerfahrungen und Gelassenheit im Sinne einer emotionalen Stabilität ist im hohen Alter tatsächlich höher ausgeprägt als im jungen Erwachsenenalter. Und auch sind Jugendliche im Durchschnitt impulsiver als ältere Menschen. Die Klischees haben also durchaus ihre Berechtigung. Häufig gibt es jedoch für jede Beobachtung ein Klischee, beispielsweise das Klischee des grummeligen Alten wie das Klischee der Altersmilde, das dann je nach Passung angewendet werden kann. Tatsächlich beobachten wir übrigens häufiger Altersmilde.

Der Sechste Altenbericht „Altersbilder in der Gesellschaft“ macht deutlich, dass die dominierenden Altersbilder in zentralen Bereichen der Gesellschaft der Vielfalt der Lebensstile und Lebensumstände im Alter häufig noch nicht gerecht werden. Vorstellungen wie „Alte Menschen ändern sich nicht mehr“ sind immer noch weit verbreitet. Angenommen, jemand möchte im hohen Alter extrovertierter werden - hat er eine Chance? Können sich Menschen im hohen Alter noch verändern?


Menschen können sich in jeder Lebensphase ändern. Besonders sensibel für Veränderungen scheint aber tatsächlich das hohe Alter zu sein, sodass selbstinitiierte Veränderungen der Persönlichkeit dann besonders vielversprechend sind.

Ändern sich Frauen im hohen Alter ebenso wie Männer?


Obwohl sich die Persönlichkeit von Männern und Frauen im Mittel unterscheidet (Frauen sind beispielsweise weniger emotional stabil als Männer), gibt es kaum Unterschiede in den Entwicklungsverläufen.

Was löst die Veränderungen aus?

Es gibt zahlreiche Ursachen für Veränderungen, genetische Reifungsprozesse, einschneidende Lebenserfahrungen, gesundheitliche Veränderungen... Derzeit ist eine wichtige Forschungsfrage in welcher Lebensphase welche Veränderungsmechanismen besonders prägnant sind.

Was bedeuten die Forschungsergebnisse für das Individuum, die Gesellschaft und ihre weitere wissenschaftliche Arbeit?


Die Forschungsergebnisse zeigen, dass unsere Persönlichkeit nicht in Stein gemeißelt ist, wir uns also über die gesamte Lebensspanne verändern können. Das ist sowohl für jeden Einzelnen von uns bedeutsam, als auch für gesellschaftliche Herausforderungen, wie beispielsweise die Frage danach, wie man erfolgreich altert. Für die wissenschaftliche Arbeit werfen die Ergebnisse neue Fragen auf, nämlich wie sich die starken Veränderungen im hohen Alter erklären lassen, denn darüber wissen wir noch viel zu wenig.

Frau Prof. Specht, vielen Dank für das Interview.


Studien zum Thema (auf Englisch):
Externer Link zum SOEPpaper 687/2014 PDF, 290 KB
Externer Link zum SOEPpaper 377/2011 PDF, 900 KB

Jule Specht bloggt auf: www.jule-schreibt.de/





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